Olympiareife Kerbesportler

Von Dieter Becker

Von wegen die ganze Welt schaut in diesen Tagen auf London. Zumindest in und um Friedrichsdorf lag der sportliche Fokus am vergangenen Samstag eindeutig auf Dillingen.

Dort nämlich übten sich am Wochenende wackere Kerbe-Athleten in einzigartigen Disziplinen, die vielleicht noch nicht olympisch sind, als echte Trendsportarten jedoch durchaus das Zeug dazu haben sollten, irgendwann im Schatten der fünf Ringe präsentiert zu werden. Vorausgesetzt, die "Freie Republik Dillingen" schafft es, und wird irgendwann Austragungsort der Olympischen Spiele. Dann allerdings, so wäre zu hoffen, sollte das Wetter besser sein als am vergangenen Samstag.

Monsunregen ähnliche Schauer hatten da – zum Glück nur vorübergehend – das populäre Krummgass-Kegeln beeinträchtigt, bei dem gleich fünf Bowling-Teams auf die "schiefe Bahn" gerieten. Der Wettbewerb wird auf der abschüssigen Dillinger Straße ausgetragen, wobei nicht nur die topografischen Besonderheiten, sondern zusätzlich zwei fies abknickende Banden zu überwinden waren, um möglichst viele der neun Kegel abzuräumen.

Gesangverein gewinnt

Letztlich entschied der Gesangverein Eintracht Dillingen die Konkurrenz für sich (51 Punkte), dicht gefolgt von den Dillinger Freunden (42 Punkte) und einer Presse-Mannschaft (34 Punkte). Die Kerbeburschen und die Kerbebienen belegten beim Kegeln die Plätze vier und fünf.

Nicht unerwähnt bleiben sollten in diesem Zusammenhang die hervorstechenden Leistungen des Berichterstatters der Taunus Zeitung, der als einziger Teilnehmer alle Neune abräumte und dafür laut-stark umjubelt wurde. Nicht folgenlos blieb der weniger ruhmreiche Auftritt der Kerbebiene Sandra Zarden, die für ihre punktlose Vorstellung zur Strafe in den Dillinger Brunnen steigen musste und dafür reichlich Hohn und Spott kassierte.

Ein weiteres Highlight – den Kerbeburschen-Fünfkampf – entschieden die Kerbebienen dann allerdings für sich, aber nur dank skrupelloser Raffinesse. Beim "Bierkastenrennen", bei dem die Teilnehmer eigentlich auf vier längs angeordneten Bierkisten stehen und den jeweils letzten Behälter vorne wieder anbauen sollten, marschierten die Damen nämlich gleich mit den Kästen unterm Arm über die Ziellinie, statt auf selbigen zu balancieren.

Trickreiche Bienen

Dieses "böse Foul" brachte ihnen zwar Strafpunkte ein, ließ sie in der Gesamtwertung aber dennoch besser dastehen als ihre Mitbewerber. So mussten sich die Dillinger und die Burgholzhäuser Kerbeburschen mit den Plätzen zwei und drei zufriedengeben. Trost spendete ihnen die Band "Weap", zu deren fetzigen Rhythmen Steaks, Bratwürste und Gyros noch einmal so gut schmeckten.

Übers Tanzparkett in den Ehe-Himmel

Von Dieter Becker

Als am Montagabend in der frühlingshaft aufgepeppten Sporthalle der TSG Friedrichsdorf die Musik erklingt, geraten Helga und Fritz Knoblich ins Schwärmen. "Das erinnert uns an die legendäre Musikkapelle ,Die drei Raben’, zu deren Songs wir in unserer Jugendzeit die Tanzflächen in Friedrichsdorf unsicher machten", erzählen sie mit einem vielsagenden Schmunzeln.

Zwar heißt die Party-Band, die am Montag aufspielt, "Wheap". Die Stimmung beim "Tanz in den Mai" der Dillinger Freunde jedoch lässt bei den Eheleuten schöne Erinnerungen an den Abend des 30. April 1955 aufkommen. Denn dieser "Tanz in den Mai" war und ist für die beiden etwas ganz Besonderes.

Nachdem sich das Paar bei einer Faschingsveranstaltung in Kirdorf kennengelernt hatte, fasste sich Fritz mit Anfang 20 nämlich ein Herz und machte seiner Angebeteten einen Antrag. "Wir waren am 30. April 1955 abends zusammen mit Freunden losgezogen und landeten schließlich beim Fritz Karl in der ,Linde’. Damals fand gerade der ,Tanz in den Mai’ statt und der Saal war natürlich proppenvoll", weiß Fritz noch alle Details. "Nach einer Weile bin ich dann aufgeregt auf meine heutige Frau zugegangen und habe ihr ein Eheversprechen gegeben."

Auch Gattin Helga denkt bis heute gerne an die Walpurgisnacht zurück, die ihr Leben veränderte. "Ich hatte ja schon so eine Ahnung, dass in dieser Nacht irgendetwas in der Art passieren würde. Aber meine Freude war trotzdem riesengroß und ich habe sofort mit ,Ja’ geantwortet", berichtet sie lächelnd. Dass sich die beiden anschließend zwei Jahre Zeit ließen, bevor sie endgültig den Hafen der Ehe ansteuerten, tat ihrer Liebe keinen Abbruch. Im Gegenteil. Sie sorgten später sogar indirekt dafür, dass die Maifeier nach einer über 30-jährigen Auszeit eine Renaissance erlebte.

Denn ihre Söhne Frank und Peter Knoblich und die Tochter Bärbel Buhl samt Ehemann Stephan sowie Tochter Laura gehören allesamt den Dillinger Freunden an. So schließt sich also der Kreis. Und wer weiß, vielleicht markiert ja auch die Maifeier am Montag den Beginn einer langjährigen harmonischen Verbindung wie die der Knoblichs? In jedem Fall gewonnen haben die Kinder aus der verstrahlten Tschernobyl-Region, denen die Veranstaltungserlöse zu einem besseren Start ins Leben verhelfen sollen.

Dass die Dillinger Freunde feiern können, weiß jeder, der schon einmal bei der Kerb zu Gast war. Seit die 13 Vereinsmitglieder allerdings den "Tanz in den Mai" für sich entdeckt haben, bringen sie die "Freie Republik" sogar ins Wanken – allerdings ganz stimmungsvoll und rhythmisch.

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